Im Sommer 1973 war in Südostasien noch Krieg, und ich wurde von der US-Luftwaffe einem Stützpunkt in Thailand zugewiesen. Nie ist mir etwas schwerer gefallen als der Abschied von meiner Frau und meinen beiden kleinen Kindern. Nur die Beruhigung, die ich in dem Segen empfunden hatte, den mein Vater mir gegeben hatte, gab mir den Mut, auf das wartende Flugzeug zuzugehen. Er hatte mir in dem Segen verheißen, ich würde nicht gezwungen werden, an irgendwelchen unrechtmäßigen Unternehmungen teilzunehmen, und ich würde rein bleiben und zu meiner Familie zurückkehren
Nach ein paar Tagen
Überlebenstraining für den Dschungel, das ich auf
den Philippinen durchlief, kam ich an meinem
Bestimmungsort auf Thailand an, wo ich einem Kampfbataillon als
Offizier für Navigation und Waffensysteme zugeteilt war. Ich
war entschlossen, gute Arbeit zu
leisten und das Jahr so schnell wie möglich hinter
mich zu bringen.
Am Abend nach meiner Ankunft kamen die anderen Bataillonsmitglieder von einem Bombeneinsatz zurück, und ich wurde eingeladen, mit ihnen ihre sichere Rückkehr zu feiern. Ich betrat mit einiger Besorgnis den Raum, wo ich die Leute kennenlernen sollte, die in den nächsten zwölf Monaten meine „Familie” bilden sollten. Das Fest war voll im Gange. Ich lehnte ein alkoholisches Getränk höflich ab, nahm eine Limonade und versuchte in leisen Unterhaltungen inmitten der dröhnenden Musik und der Rauchschwaden verborgen zu bleiben.
Der Reihe nach wurde ich den anderen vorgestellt und stand schließlich mit dem Bataillonskommandeur, einem Oberst, an der Bar. Er legte den Arm um mich und ließ mich nicht mehr Ios, und so mußte ich mir seine Geschichten von Flugzeugen, gewagten Abenteuern und gefallenen Kameraden anhören.
Bald ertönte ein Signal, und die Männer versammelten sich um die Bar herum. Die Musik wurde abgestellt, und es wurde sehr still. Ein tägliches Ritual wurde vollzogen. Jedem wurden ein kleiner Drink, ein sehr starkes alkoholisches Getränk, eine Limone und etwas Salz serviert. Als die Reihe an mir war, sagte ich leise und möglichst unverkrampft: „Nein, danke, ich bleibe lieber bei meiner Limonade.”"
„Das ist aber eine Bataillonstradition”, sagte der Mann.
Verschiedene Gedanken schossen mir durch den Kopf. „Warum ich? Warum vor dem ganzen Bataillon? Warum am allerersten Abend?” Ich bemühte mich, daß meine Stimme selbstbewußt klang, während ich erklärte, daß ich keinen Alkohol trank, aber gern mit meiner Limonade anstoßen wollte.
Das Schweigen wurde noch intensiver, und der Griff des Kommandanten um meinen Hals wurde fester. „Leutnant”, sagte er, „ich befehle Ihnen, diesen Drink anzunehmen. Sie werden ihn trinken, und wenn ich ihn Ihnen selbst hinunterkippen muß.”
Ich überlegte mir, wie weit ich wohl kam, wenn ich es auf einen Kampf ankommen ließ. Ich stellte mir das Ergebnis vor, außerdem das unangenehme Gespräch mit meinem Vorgesetzten und die Bitte um eine Versetzung. Wieder fragte ich mich: „Warum ich?” Ach ich wünschte mir, ich wäre achttausend Meilen weit weg und zu Hause bei meiner Familie. Dann fiel mir die Verheißung ein, die mein Vater vor einer Woche ausgesprochen hatte. Ich raffte in dem erwartungsvollen Schweigen all meinen Mut zusammen und sagte: „Es tut mir leid, aber ich trinke keinen Alkohol.”
Die Luft war spannungsgeladen. Ich betete von ganzem Herzen: „Himmlischer Vater, hilf mir, diesen Abend zu überstehen.”
Der Oberst lehnte sich zurück, maß mich mit einem Blick und erwiderte: „Sie werden diesen Drink annehmen ...”
Ich betete.
Dann fügte er hinzu: „... außer wenn Sie Mormone sind.”
Was für eine Erleichterung! Warum hatte ich das nicht bereits gesagt? Schämte ich mich, weil ich deshalb keinen Alkohol trank? Glaubte ich nicht daran, daß Gott dieses Gebot voll Weisheit gegeben hat? Ich antwortete: „Ja, ich bin Mormone.”
Er fragte mich noch einmal, um sich zu vergewissern, daß ich ihm nichts vormachte. Dann sagte er: „Ein Glas Limonade für diesen Mann.”
Als ich an dem Abend betete, dankte ich dem himmlischen Vater für die Lektion, die mir so weit von zu Hause entfernt erteilt worden war. Ich dankte ihm für meinen irdischen Vater, der seinen Sohn unter Inspiration gesegnet hatte. Ich war dankbar, daß jetzt jeder von meiner Überzeugung wußte und daß in den nächsten zwölf Monaten das gesamte Bataillon darauf achten würde, daß ich mich an meine Verpflichtung hielt. Ich war dankbar, daß irgendwo ein anderer Heiliger der Letzten Tage sich nicht gescheut hatte, dem Oberst zu erklären, warum er ein reines Leben führte. Auch ich nahm mir fest vor, immer ohne Zögern zu sagen: „Ich bin Mormone.”
David K. Skidmore, April 1987





